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All Star Band
Texte zu «Tinu Heiniger Solo»
Texte zu «Tinu Heiniger & Classic Orchestra»

Geschichten aus dem «Mueterland»
«Ideologien sind Sicherheitsnetze für Angsthasen»


Tinu Heinger | Bildgrösse: 3600x2500 px | Dateigrösse: 365 kb (Fotografie: Martin Albisetti)

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Tinu Heiniger | Bildgrösse: 260x150mm 305dpi (CMYK+Schwarz-Weiss)
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Tinu Heiniger & All Star Band
(v.l.n.r. Pudi Lehmann, Gere Stäuble, Wolfgang Zwiauer, Tinu Heiniger)
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Tinu Heiniger & All Star Band
(v.l.n.r. Pudi Lehmann, Gere Stäuble, Tinu Heiniger, Wolfgang Zwiauer)
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Tinu Heiniger & All Star Band
(v.l.n.r. Tinu Heiniger, Wolfgang Zwiauer, Gere Stäuble, Pudi Lehmann)
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Tinu Heiniger & All Star Band
(v.l.n.r. Wolfgang Zwiauer, Tinu Heiniger, Gere Stäuble, Pudi Lehmann)
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Tinu Heiniger & All Star Band
(v.l.n.r. Pudi Lehmann, Wolfgang Zwiauer, Tinu Heiniger, Gere Stäuble)
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Tinu Heinger | Bildgrösse: 2780x2780 px | Dateigrösse: 2,4 mb (Fotografie: Reto Camenisch)

Tinu Heinger | Bildgrösse: 2780x2780 px | Dateigrösse: 2,6 mb (Fotografie: Reto Camenisch)

Tinu Heinger | Bildgrösse: 2780x2780 px | Dateigrösse: 4 mb (Fotografie: Reto Camenisch)

 

Interview vom 30.April 2011 im TAGESANZEIGER und im BUND


«Ideologien sind Sicherheitsnetze für Angsthasen»
Tinu Heiniger, Doyen der Schweizer Liedermacher, über seine Art, links zu sein, ohne den politischen Gegner zu verachten.

Von Thomas Widmer, Hannes Nussbaumer
 

Sie sind 1946 in Langnau im Emmental geboren. Wie sah diese Welt aus?
Wenn ich heute nach Langnau komme, denke ich: Unglaublich, wie viel Schönes kaputt gemacht wurde, etwa die alten Häuser auf meinem Schulweg: die Villa Reichen, ein Jugendstil-Backsteinhaus, das bereits in den 50er-Jahren abgerissen wurde, oder das Chüenihus, ein prächtiges Bauernhaus. Mein Kindheits-Langnau war baulich noch eine ziemlich heile Welt.

So ist Ihr Verhältnis zur Scholle ein gebrochenes?
Ja. In meinen Erinnerungen an die Jugendzeit ist immer beides drin, auch was unsere Familie angeht. Es gab Streit und Stress, aber es gab auch Sport und Musik und Advent und Weihnachten mit Geschichten und Liedern. Wenn wir am Sonntag mit dem kleinen Citroën ausfuhren, nahm die Mutter die Mundharmonika hervor, und auf der Heimfahrt sangen wir jene fröhlichen Lieder, die Mutter bei den «Wandervögeln» gelernt hatte. Und wenn heute an Weihnachten Kinder bei uns sind, nehme ich die Gitarre, und wir singen.

Sie erlebten viel Streit in der Familie?
Mein Vater war häufig auf 180 und für mich war es oft besser, ihm nicht zu begegnen. Sofort hiess es dann: Hast du das Velo geputzt? ... Er hatte mit Mutter zusammen ein kleines Möbelgeschäft. Zuunterst im Haus war die Schreinerei, darüber das Ladenlokal mit den Schaufenstern «Möbel, Teppiche, Vorhänge und Aussteuern». Die Mutter nähte Vorhänge und machte Lampenschirme.

Wie hat Sie Ihre Herkunft geprägt?
Ich habe Sympathie für Dörfler. Aber schon früh war mir klar, dass mir die Dorfwelt zu eng war und ich ausbrechen wollte. Mit 16 pendelte ich nach Bern und lernte dort in der Lehrwerkstätte Möbelschreiner, das war ein Riesensprung. Sympathie und Verständnis für die Leute auf dem Land habe ich mir bewahrt. Ich gehe jedenfalls nicht ins Schangnau, wo bei der Ständeratswahl von elf Leuten zehn für Adrian Amstutz von der SVP gestimmt haben, und sage denen: «Ihr spinnt!»

Könnten Sie dort leben?
Wer mit den Emmentalern an den Beizentisch hocken will, muss zuhören können. Die Emmentaler sind zurückhaltend und skeptisch; sie brauchen Zeit, aber wenn sie dann merken, dass der andere gar «nit so ne tumme Cheib» ist, dann tauen sie auf. Und dann liegt es sogar drin, dass man in der Beiz zum andern sagt: «He, das ist ein huere blödes Vorurteil, das du über Ausländer hast.»

Würden Sie das auch einem Adrian Amstutz sagen?
Ja, klar, falls dies nötig wäre. Ich kenne ihn ein wenig aus der Zeit, als ich in der Gemeinde Sigriswil wohnte. Er war Gemeindepräsident, der Gemeinderat bestand mehrheitlich aus SVP-Leuten. Die gaben mir zu einem runden Jubiläum der Gemeinde den Auftrag, ein Lied zu schreiben. Keiner redete mir drein. Als ich sagte, es werde eine grössere Sache daraus, und vorschlug, man könnte doch mit Musikern aus der Gemeinde ein Orchester machen, sagten sie: Also gut, was kostet es? Sie gaben das Geld. Und waren dann stolz auf das Lied und die Konzerte in der Kirche.

Sie können offenbar mit Leuten wie dem Amstutz Adrian umgehen.
Vielleicht sind wir eben einander ähnlicher, als wir denken, auch wenn wir politisch das Heu nicht auf der gleichen Bühne haben. Bis vor 20 Jahren hatte ich neben meiner Musik noch einen Teilzeitjob als Singlehrer. Dann entschloss ich mich, ausschliesslich von meiner Musik und meinen Liedern zu leben. Jetzt war ich ein Kleingewerbler wie mein Vater, der Schreinermeister. Jahrelang habe ich den Stress und die Enge und damit auch den Vater bekämpft. Immer war ich auf der Seite der Büezer. Seit ich selbstständig bin, verstehe ich meine Eltern besser: Nur wenn ich arbeite, kommt die Kohle. Ich habe deswegen nicht einfach die Seiten gewechselt.

Ein Linker sind Sie geblieben?
Ich mag dieses sture Links-rechts-Denken nicht mehr.

Sagen wir es so: Sie sind ein Linker mit ausgeprägtem Heimatgefühl. Geht das überhaupt zusammen?
Natürlich. Das Heimatgefühl ist doch nicht den Rechten vorbehalten. Damals, als in Langnau schöne, erhaltenswerte Häuser abgerissen wurden, hatte die BGB das Sagen, die Vorgängerin der SVP. Die BGBler wussten nicht, was ihre Werte sind, sie waren sogenannt fortschrittsgläubig. Und es gab Gemeindepräsidenten, die sich ein Denkmal setzen wollten. An einer Einwohnergemeindeversammlung, ich war dabei, sagten sie, «jetzt machen wir das neue Gemeindehaus und gleich noch eine neue Badi und eine neue Turnhalle und dann noch gleich ein neues Sekschulhaus». Mein Vater mahnte zur Langsamkeit, er sagte: «Macht das langsam, lasst euch Zeit, sonst kommen nur die grossen Buden von auswärts und machen es. Diese Büez wollen wir hier im Amt Signau selber ausführen. Und haben erst noch auf Jahre hinaus Arbeit.»

Als Sie im Berner Ständerats-Wahlkampf Sympathien für SVP-Kandidat Adrian Amstutz bekundeten, hatte man den Eindruck, Sie seien SVP-Fan.
Es gab einen Zeitungsartikel, der aus meinem Statement selektiv und tendenziös zitierte. Es hagelte Häme, ich wurde sogar von einem Konzertveranstalter ausgeladen – der Veranstalter schrieb mir, er schäme sich für mich. Ich schrieb zurück, für mich müsse sich kein anderer schämen. Später fand er diese Fremdschämerei selber blöd. Da durfte etwas nicht sein. Das hat mich erschüttert. Ideologien sind auch Sicherheitsnetze für Angsthasen, wenn einer daran rüttelt, dann Potzheilanddonner …

Und Amstutz selber?
Er ist menschlich ein sympathischer Typ, das sagen auch Leute, die, wie ich, nicht auf seiner Linie sind. Ich schickte ihm meine Richtigstellung und schrieb dazu: Schau, ich bin dein Wahlkampfhelfer geworden, das will ich nicht! Ich habe nie SVP gewählt und werde nie SVP wählen.

Wen wählen Sie dann?
Im Aargau habe ich die grüne Regierungsrätin Susanne Hochuli gewählt. Sie ist mir sympathisch, für sie würde ich jederzeit gratis singen. Sie hat Ausstrahlung, ist eine kluge Frau, die gerne lacht, und mutig ist sie auch. Sie ist als Grüne für das Militär, obwohl sie sich ja eigentlich sagen muss, dass sie damit bei ihren eigenen Leuten Stimmen verliert.

Wie reagierte Amstutz auf Ihre Richtigstellung?
Er schrieb mir zurück, er erlebe im Wahlkampf, wie er immer wieder in Schubladen versorgt werde, und dass er sich nicht wundere, wenn einer wie ich, der sich gegen das Schubladisieren wehre, dann gleich dort eingeklemmt werde. Den Link zu meiner Richtigstellung hat er umgehend aufgeschaltet. 

Amstutz kann sich allerdings vom gemütlichen Dorfmenschen in einen eiskalten, selbst im Schubladendenken verhafteten Ideologen verwandeln. 

Dass er ab und zu «verruckt» wird, finde ich nicht so schlimm. Mein Vater wurde das jeden Tag. Alle sind so wahnsinnig entsetzt, dass Amstutz am Fernsehen zu Bundesrätin Sommaruga sagte, sie erzähle einen Seich nach dem anderen. Aber im Dorf sagt man das halt so. Und wenn es einer sagt, ist er noch lange kein Menschenverachter. Ich gestehe Adrian Amstutz zu, dass er ein Demokrat ist. Wenn ich ihm allerdings heute vis-à-vis sässe, würde ich sagen: «Weisch was, Adrian, jetzt musst du aber über die Bücher und dieses alte AKW Mühleberg abstellen!»

Sie sind der Barde der Anti-AKW-Bewegung. Jetzt kam es in Japan zu einem Horror-AKW-Unfall, und Sie bringen ein gefühliges Buch über Ihre Jugendjahre in Langnau heraus. Wurmt Sie diese Gleichzeitigkeit?
So ein Buch hat nun einmal einen Vorlauf. Ich habe in den letzten Jahren immer wieder Geschichten geschrieben. Und dann kam im August 2010 eine Anfrage von diesem Verlag in Lenzburg. Früher hätte ich vermutlich gesagt: Fukushima! Da muss ich sofort etwas schreiben! Heute spiele ich «Die, wo überläbt hei», ein 33 Jahre altes Lied. Ich muss da nichts Neues machen.

Das Privileg des Altwerdens?
Ja. Es kommt aber noch etwas hinzu: Ich finde, man kann nach Fukushima nicht mehr parteipolitisch denken. Man muss über die Fronten zusammenspannen. Jüngere Leute sind politikverdrossen, weil sie das Links-rechts-Schema abschreckt. Die Menschen sind nicht so verschieden. Unsympathische, sture, machtbesessene Sieche gibt es auf beiden Seiten.

Fehlt es der Politik an Leuten mit Bodenhaftung?
Sagen wir es so: Die Gefahr besteht, dass Leute, die nach der Schule gleich ins Gymi gingen, dann an die Uni und dann ins Büro, dass solche Leute kopflastig sind und den Boden unter den Füssen verlieren.

Wie erhält man sich die Bodenhaftung?
Ich kann nur sagen, wie es bei mir ist: Wenn ich nicht mindestens zweimal pro Woche durch Feld und Wald gehe, dann bin ich einfach «schlächt druffe», wie ein Baum ohne Wurzeln, tönt kitschig, ist aber so.

Wie kommen Sie mit Ihrer Heimatliebe bei Linken an?
Vor vielen, vielen Jahren gab es in Bern einen Kulturabend «Schweiz - Peru». Im Publikum waren hauptsächlich Linke. Irgendwann stellte ich, als Vertreter der Schweiz, ab Schallplatte einen Naturjodel vor. Was dann geschah, vergesse ich nicht mehr. Fast das gesamte Publikum stand auf, und nach einer Minute war der Saal praktisch leer. Sie sagten: Heiniger, das müssen wir nicht haben! Ich halte dagegen – bis heute. Ich überlasse den Puurezmörgelern der SVP doch nicht die Heimat.

Was macht die SVP richtig, was die Linken nicht richtig machen?
Sie greift die Themen auf, um die die anderen Parteien einen Bogen machen. Das Bevölkerungswachstum etwa. Die SVP legt den Finger in die Wunde. Ich denke, es braucht auch sie. Ich sah Amstutz-Plakate in Bern mit Hakenkreuzen. Das ist ebenso idiotisch, wie wenn Christoph Blocher den luxemburgischen Premier Jean-Claude Juncker in die Nähe von Hitler rückt. Amstutz ist kein Faschist, hört doch auf!

Beliebter gemacht haben Sie sich mit Ihrer Amstutz-Sympathie nicht.
Beliebt zu sein, ist nicht mein Anliegen. 

 

 

Texte zu «Tinu Heinger Solo»

Friedli über Heiniger (Kurzversion)
Tinu Heiniger ist nicht nur der Doyen der Mundartszene, er ist der wohl beste Liederschreiber der Schweiz. In den Siebzigerjahren in einem Umfeld des Protestsongs sozialisiert, war er schon damals in einer Zunft der liedernden Aktivisten unter singenden Dichtern der dichtende Sänger: mit sehr viel mehr Musikalität begabt als die meisten Kollegen.
Er fängt mit altmodischem Emmentalerdeutsch die volatile Jetztzeit ein, seine Kunst ist zeitlos. Auch in der Poesie bleibt er politisch, und auch wenn er Privates schildert, schwingt das gesellschaftliche Ganze mit. Und wenn Jugendlichkeit denn Offenheit und Neugierde bedeutet, ist Tinu Heiniger so viel jünger als die junggreisen Jungkünstler seines Landes.

Friedli über Heiniger (Originalversion)
Er kommt aus dem Emmental und lebt heute in Schöftland im Aargau. Er war Möbelschreiner, dann Lehrer, wurde Liedermacher und ist als Musiker heute der Doyen der Mundartszene. Sein Klarinettenspiel hat der alte Jazzfan beharrlich zur Meisterschaft entwickelt, und er ist der wohl beste Liederschreiber der Schweiz. Tinu Heiniger, in den Siebzigerjahren in einem Umfeld des Protestsongs sozialisiert, war schon damals in einer Zunft der liedernden Aktivisten unter singenden Dichtern der dichtende Sänger: mit sehr viel mehr Musikalität begabt als die meisten Kollegen. Das liess ihn die Zeitströmungen überdauern.
Wenn einer punkto sprachliche Fertigkeit und Präzision all den Jungen den Altmeister zeigt, wenn einer seinem Idiom, dem Emmentalischen Berndeutsch, wenngleich es zur Verharmlosung, zur Nostalgie tendiert, Aktualität abtrotzt, wenn es ihm gelingt, mit dem altmodischen Dialekt die volatile Jetztzeit einzufangen, dann ist er ein zeitloser Künstler.
Heiniger schafft sprachmächtige Stimmungsbilder, die auch in der Poesie politisch bleiben, und auch wenn er Privates schildert, schwingt das gesellschaftliche Ganze mit. Er liess Rap und Elektronik in seine jüngsten Alben einfliessen, er geht mit der Zeit, ohne sich dem jeweiligen Zeitgeist anzubiedern. Und vielleicht das Wichtigste: Er ist, obgleich die Ideologien von einst verblasst, die Utopien verpufft sind, nie zynisch geworden.
Und wenn Jugendlichkeit denn Offenheit und Neugierde bedeutet, ist Tinu Heiniger so viel jugendlicher als die junggreisen Jungkünstler seines Landes. Oder wie der grosse Vorsitzende Dylan sagen würde: «I was so much older then, I’m younger than that now.»

Bänz Friedli

 

Leben und Lieder aus derselben Wurzel gewachsen

Lebendige Tradition
Obwohl der Weg nur kurz ist, bleibt Tinu Heiniger wiederholt stehen, nimmt den Bärlauch am Wegrand wahr, riecht an einem Blatt, bewundert hellwach die Schönheit eines Samenstandes, den der Wind ihm zufällig vor die Füsse getragen hat, ist begeistert vom Gebäude, welches wir betreten, erkundet fragend und beobachtend dessen Architektur, lässt seine Hand über eine Holzfassung gleiten. Bewusste Lebendigkeit blitzt auch im Gespräch mit dem 62jährigen Heiniger auf, etwa dann, wenn er sein «Programm» für die nächsten zwanzig Jahre mit den Worten «alt wärde, läbig bliibe, abgä» umreisst. Das zunehmende Alter sei letztlich der Auslöser für die Auseinandersetzung mit seiner Heimat und Herkunft, welche in den Liedern der neuen CD so präsent sind.
Das Album wird eingeleitet mit dem Volkslied «Luegit vo Bärge und Tal». Später folgen «Der Lindenbaum», «Là-haut, sur la montagne» und «Heimetvogel». Dies sind Lieder, welche man in Heinigers Kindheit gesungen hat – zum Beispiel bei einer Sonntagsausfahrt mit Vaters erstem Auto. Auf dem Nachhauseweg holte die Mutter manchmal die Mundharmonika hervor, und die vier Kinder auf dem Rücksitz stimmten in ihr Lied ein. Ins Booklet eingestreut sind alte Fotos aus dem Familienalbum. So sieht man den kleinen Tinu auf den Armen seiner Grossmutter, die ihm das Geschichten-Erzählen vererbt hat. In diesem Sinne ist Heinigers aktuellste Musik Hommage an die längst Verstorbenen, die ihn geliebt und geprägt haben.

Schweiz als Heimat
Die Schweiz bezeichnet der aus dem Emmental stammende Heiniger vorbehaltlos und unbedingt als seine Heimat. Gerade weil er sie liebe, begegne er der Schweiz auch skeptisch, überprüfend, hinterfragend. Dieser kritischen Haltung kann man auf dem neuen Album wiederholt begegnen, so in den Liedern «Grossstadt» und «Irgendmau, irgendwo». In Letzterem heisst es: «Bi Schwitzerbürger, dür u dür». Neben der Verbundenheit mit «däm schöne Ämmitau» thematisiert das Lied die Enge des Herkunftsdorfes ebenso wie Schattenseiten der Schweizer Wirtschaft und Gesellschaft. Und es vergisst nicht, nach denjenigen zu fragen, welche ohne Pass, ohne ein rechtes Daheim, sein müssen. Am Schluss des Liedes steht der Ausblick in eine andere Zeit, eine andere Welt, in die man nach dem Tode zieht: «Ds Heimatland – s’ isch änedra».
Neben den alten schwarz-weiss Fotografien aus Heinigers Familienalbum enthält das Booklet eine Skizze des «über alles geliebten Ferdinand Hodler». Heiniger bewundert Hodler für dessen Eigenschaft, den Dingen auf den Grund zu gehen und dafür, dass der Maler selbst beim Erschütterndsten, dem Sterben seiner krebskranken Geliebten, Valentine Gode-Darel, nicht weggeschaut hatte. Heiniger betont Hodlers Fähigkeit, Tiefen zu erreichen. Diese Tiefen sind auch in Heinigers Musik spürbar und in seiner Auseinandersetzung mit den Wurzeln, aus denen sein Leben und seine Lieder gewachsen sind.

Rahel Hubacher

 

Tinu Heiniger solo im Bären Buchsi

Da steht er mit seiner Gitarre, allein auf dieser kleinen Bühne. Und singt als zweites Lied gleich den «Vater». Dieser traurige Abschied voller Zärtlichkeit und Widerrede. Die innige Liebe, die sich erst durch Reibung offenbart. Das Erkennen durch den Tod. Kein übliches Warmlaufen, keine Anbiederung. Ich habe Hühnerhaut. Tinu Heiniger steht nackt vor seinem Publikum. Er will es so. Das Publikum muss ihn nehmen, wie er ist. Alles andere ist Zeitverschwendung, macht keinen Sinn. Das ist mutig und sieht man nur noch selten. Und auch wenn er zu Bass und Gitarre ab Einspielung mit seiner Klarinette Blues und Swing spielt. Heiniger ist es egal, ob er der einzige im Saal ist, dem diese Musik gefällt. Sie gehört einfach zu ihm, sie hat ihn damals aus der Enge des Emmentals und der Schweiz befreit. Eine Enge, die er heute weit öffnet. Weil er auch ihre Schönheit besingt, nicht nur die Schatten. Weil er dazu steht, Teil davon zu sein. Weil er für sich und seine Zuhörer in Anspruch nimmt, dass dieses Land auch ihm und uns gehört. Die Melodien und Texte seiner Lieder stehen an diesem Abend für sich allein und berühren dadurch ungeahnt tief. Selbst ein Text- und Arrangementkoloss wie das über zwölfminütige «Niesenlied» funktioniert und bewegt. Ein Gefühl wie beim akustischen Springsteen stellt sich ein. Und wie der Boss auch, greift Heiniger immer wieder auf alte Volkslieder zurück. Statt «This land is your land» singt er folgerichtig «Luegit vo Bärge u Tal» oder den «Lindenbaum». Das Risiko ist gross, dafür belächelt zu werden. Heiniger geht es ein. Weil ihm diese Lieder gefallen. Und ich gebe ihm Recht: Es sind schöne Lieder. Nur habe ich es bis zu diesem Abend von Tinu Heiniger im Bärensaal nicht wahrhaben wollen.

Jüre Hofer

 

Seit mehr als 30 Jahren ist er mit seinen Liedern, mit seinen Geschichten und mit Gitarre, Klarinette und Mundharmonika unterwegs. Manchmal mit seiner Band, manchmal ganz alleine. Und noch immer ist für ihn jeder Auftritt eine Herausforderung, auf den Auftrittsort, die Leute dort und die Stimmung im Saal einzugehen und – alles zu geben, was er hat : Seine tiefe Liebe zur Heimat, seine Melancholie, seine Lust, seinen Spass, seinen Spott, seine Nachdenklichkeit, seine urtümliche Musikalität. All das teilt er mit seinem Publikum, das mit ihm älter geworden ist und für das er u.a. die 50er Jahre seiner Jugend aufleben lässt.
Seine Lieder sind Schweizerlieder, immer wieder besingt er sie, die Schweiz , die Berge und Seen, die Dörfer und Städte, die Höger und Täler. Er wohnt schon lange nicht mehr im Emmental, aber er kommt von dort, es hat ihn geprägt und er ist, was seine neue , überall heiss gerühmte, Zehdeh verspricht : ein Berg und Talsänger!

 

Texte zu «Tinu Heiniger & Classic Orchestra»

TINU HEINIGER und CLASSIC ORCHESTRA

Es war Stephan EICHER, der an der Plattentaufe meiner zweiten von ihm produzierten CD zu mir sagte: «Die nächste Scheibe mit deinem Niesenlied musst du mit REYN Ouwehand machen.» Und dann lief es ähnlich, wie damals, als ich Stephan in Paris bloss mal meine neuen Lieder vorspielen wollte, um seine Meinung dazu zu hören – und er nach fünf Minuten bereits Aufnahmen machte und mit seiner Gitarre mitschrummte. Auch Reyn fackelte nicht lange, als ich ihn in Holland besuchte und rausfinden wollte, ob wir zusammenpassen. Als er bemekte, dass ich ohne meine Gitarre gekommen war, er aber nur stahlsaitige in seinem Studio hatte, da raste er mit mir in den nächsten grossen Musikladen und befahl , ich solle eine Gitarre auslesen, Preis spiele keine Rolle, wenn sie nur passe. Und dann, zurück in seinem Studio, waren wir sogleich mittendrin in der Produktion. Und wie dieser Holländer sich reinkniete in meine Schweizerlieder und wie respektvoll und geschmackssicher er meinen Liedern ein musikalisches Kleid verpasste: Grossartig! Das Resultat unserer Zusammenarbeit, die CD «BÄRG U TALSÄNGER» lässt sich hören. Ich bin ein wenig stolz darauf und der Reyn ist es auch: Es ist uns gelungen, meine eigenen und sogar die schönen alten Schweizerlieder zu entstauben, ihnen neuen Glanz zu verleihen und dabei ihre alte Schlichtheit zu bewahren.
Als Christian SIEGENTHALER diese Scheibe erstmals hörte, sagte er: «Tinu, das musst du unbedingt auch live machen. Ja, genau, zusammen mit diesem CLASSIC ORCHESTRA. Und ich bin dabei.» Oho, dachte ich, ja, wenn der Siegenthaler, der aus den Kammermusikern gleich ein elegantes «Classic Orchestra» macht, wenn der mit dabei ist und wenn der daran glaubt, dann, ja dann müssen wir das doch wagen.
Und jetzt , ich bin selber ganz beeindruckt, ist es tatsächlich soweit : Ich habe mit Reyn zusammen ein abendfüllendes Programm zusammengestellt. Er hat meine Lieder aus über dreissig Jahren Berg und Talsingerei für das 16 köpfige Kammerorchester, für all diese Streicher und Zupfer und Bläser, arrangiert. Die HEIDLE ist dabei, der Grossvater mit dem LIED VO DE BÄRGE, der Schubert mit seinem LINDENBAUM, mein alter Freund Stephan Eicher, zwar nicht persönlich dabei, aber dafür seine Musik zum STAR, den ich ihm auf den Leib getextet habe, die heimliche Schweizer Nationalhymne LUEGIT VO BÄRGE U TAL erklingt, mein AEMMITAL und und und. Ich und mein musikalischer Chef aus Holland freuen uns darauf, all diese Lieder und Texte mit diesem grossartigen Orchester auf die grossen Bühnen zu bringen.


Tinu Heiniger